The blind spot of Maly Trostinec

The blind spot of Maly Trostinec

Simone Brunner
AT
01.09.2017

In der Blagowschtschina, in einem Waldstück bei Minsk, hat sich eine Gruppe von Menschen zum Gedenken aufgestellt. Ein Halbkreis, mit Blick auf die Lichtung. Es ist eine intime Trauerfeier, bei der sie einander von ihren Angehörigen erzählen. Oder das, was sie über sie noch wissen. Wie Yael aus Amsterdam, die von ihrer Urgroßmutter erzählt. Oder Irv aus den USA, der von seiner Großmutter spricht. Oder Richard aus Wien, der seine Großcousins verloren hat. Und Vienna Duff. Auch sie steht hier, an der Waldlichtung, an diesem prächtigen Frühlingstag im Mai.

Im März 1939 steigt Viennas Mutter Ilse Sachs in Wien in einen Zug und kehrt nicht mehr zurück. Es ist ein schmerzlicher Abschied, der ihr doch das Leben rettet. Ilse Sachs ist dreizehn Jahre alt, als sie über Prag vor den Nationalsozialisten flieht. Und obwohl in Wien der Hass gärt und das Leben für die Familie Sachs schon gefährlich geworden ist, nimmt Ilse doch viele schöne Erinnerungen mit. So schöne, dass sie später ihre Tochter nach ihrer alten Heimatstadt nennen wird: Vienna.

Dass Vienna heute hier steht, ist die Geschichte einer langen Reise. Eine Geschichte von Verlust, von Schweigen, von quälender Ungewissheit und hartnäckigen Recherchen. Aber auch von einer Suche, die ein Ende hat. Und von einer Trauer, für die Vienna endlich Worte findet: ›Liebe Adele‹, sagt sie, ›Du hast eine Familie, der es gut geht und die sich an dich erinnert.‹

Adele Steiner, Mädchenname Sachs, wurde am 22. Ap- ril 1878 in Wien geboren. Sie ist Viennas Großtante. Eine Jüdin, die jedoch später zum Katholizismus konvertierte. Alte Fotos zeigen eine elegante Frau mit gewelltem Haar und einem sanften Lächeln. Am 30. Juli 1942 wurde Adele nach Theresienstadt und wenige Tage später, am 4. August 1942, nach Maly Trostinec bei Minsk deportiert. Zuvor hatte sie noch geholfen, ihre drei kleinen Großnichten – Hildegard, 14, Ilse, 13, und Liane, 11 – mit einem Kindertransport aus Prag nach England zu schicken. Was ihnen wohl das Leben gerettet hat.

An keinem anderen Ort wurden so viele Österreicher Opfer des Holocausts wie in Maly Trostinec. Zwischen November 1941 und Oktober 1942 wurden zehn Deportationszüge in den Osten geschickt. 1.300 Kilometer, vom Wiener Aspangbahnhof über den Knotenpunkt Wolkowysk, wo die Menschen in Viehwaggons gepfercht wurden, weiter nach Minsk, später direkt nach Maly Trostinec. In einem Waldstück namens Blagowschtschina wurden sie erschossen und in Gruben geworfen. Von den etwa 10.000 direkt aus Wien Deportierten überlebten

nur 17. Insgesamt gehen Historiker davon aus, dass in Maly Trostinec 60.000 Menschen ermordet wurden. Es war das größte Vernichtungslager auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Ein Ort, von dem niemand zurückkam.

Schweigen hat sich über Maly Trostinec gelegt. Auch in Viennas Familie, die in England geblieben ist. Wenngleich Ilse, Viennas Mutter, heute 91 Jahre alt, das Datum ihrer Ankunft in England jedes Jahr wie einen zweiten Geburtstag feiert, hat sie kaum vom Holocaust gesprochen. Die Erinnerungen an ihre Tante Adele, die sich ›wie eine Mutter‹ um ihre drei Nichten gekümmert hatte, wenn die leibliche Mutter krank war, waren zu schmerzhaft. Bis die heute 57-jährige Vienna vor zehn Jahren begann, ihre Familiengeschichte zu recherchieren: Im Schloss Hartheim nahe Linz, wo ihre Großmutter 1940 im Euthanasie-Programm ermordet wurde. In Wien, wo ihr Urgroßvater Heinrich Sachs den Büromaschinenhersteller Sax gegründet hatte oder in Berlin, wo ihr Großvater Ludwig eine Dissertation in Chemie geschrieben hatte. Oder in Kritzendorf, wo die Familie in den heißen Sommern vor der Wiener Glut in die kühlen Wogen der Donau floh. Ein kleines Badehaus auf Stelzen, an einer Adresse wie eine Verheißung: Paradiesstraße zehn.

Doch kein Weg war so lang wie der nach Maly Tros- tinec. Viele Jahre dachte Vienna, ihre Großtante Adele sei eigentlich in Minsk gestorben. Ermordet bei einem Massaker im Minsker Ghetto, wie so viele andere auch. Erst bei vielen Recherchen stieß sie auf ›Maly Trostinec‹, ein von den Nationalsozialisten eingerichtetes Vernichtungs- lager in einer ehemaligen sowjetischen Kolchose, zwölf Kilometer südöstlich von Minsk entfernt.

Viele wollen verstehen, warum der Weg nach Maly

Trostinec so lange war und reisen dorthin zurück, von wo Adele kam. Die Augusthitze liegt schwer auf der Wiener Innenstadt, die weiß-getünchten Fassaden der prächtigen Palais blenden. Auf dem Judenplatz im ersten Wiener Bezirk hat sich eine kleine Menschenmenge vor dem Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoa versammelt. Während Geschäftsleute über das Kopfsteinpflaster eilen und Touristen ihre Kinderwagen schieben, werden durch ein Mikrofon die Namen jener verlesen, die genau an diesem Tag, vor 75 Jahren, in einem Deportationszug aus Wien nach Maly Trostinec in den Tod geschickt wurden. Es sind 1.003 Namen. Allein etwa 15 Minuten dauert es, bis alle Familiennamen mit ›B‹ verlesen worden sind. Banner. Beckmann. Breuer.

Es ist bereits der siebente Gedenkmarsch, den Waltraud Barton, eine 58-jährige energische blonde Frau in einem leichten Kleid, das im Wind weht, in den vergangenen Monaten organisiert hat. Aber diesmal ist es

auch für sie ein besonderes Gedenken. Heute ist auch der Name Malvine Barton dabei. Sie war die erste Frau von Bartons Großvater. Sie wurde am 17. August 1942 nach Maly Trostinec deportiert – und kam nie zurück.

›Wir müssen die österreichischen Toten von Maly Trostinec wieder zu einem Teil unserer Gesellschaft machen, indem wir ihnen das geben, was alle Österreicher bekommen: ein Grab‹, sagt sie.

Bestürzt sei sie gewesen, als sie feststellte, dass heute in Minsk nichts an den Tod ihrer Angehörigen erinnerte – und Maly Trostinec so gut wie unbekannt ist. So hat die gelernte Schauspielerin im Jahr 2010 den Verein ›IM-MER‹ gegründet, die ›Initiative Malvine Barton – Maly Trostinec erinnern‹. Sorgfältig hat sie im Österreichischen Staatsarchiv alle Listen der Deportationszüge von Wien nach Minsk und Maly Trostinec gescannt, um die Namen an langen Abenden in ihren Computer zu tippen. Bis sie

mit allen Namen durch war. Darunter viele ältere Frauen, aber auch Kinder. Das dauerte zweieinhalb Jahre.

Niemand hat sich so unermüdlich für das Gedenken an die Toten von Maly Trostinec eingesetzt wie sie. Sie hat eine wissenschaftliche Konferenz zu Maly Trostinec ausgerichtet und ein Totenbuch herausgegeben. Jedes Jahr organisiert sie eine Gedenkreise in die belarussische Hauptstadt Minsk. Bei einer Trauerfeier hängen Angehörige im Wald von Blagowschtschina Schilder an die Baumstämme, um an die Toten zu erinnern. 500 knall- gelbe Schilder, laminiert und mit Fotos, die den wenigen Passanten, die auf dieser Waldlichtung vorübergehen, wie kleine Mosaiksteine entgegenleuchten.

Barton hat es möglich gemacht, dass in Österreich überhaupt über Maly Trostinec gesprochen wurde. ›Wir müssen diese Menschen wieder in die Gesellschaft hereinholen, durch eine Bestattung, die jeder österreichische Bürger bekommt‹, sagt sie. Seit Jahren kämpft sie dafür, dass in Maly Trostinec ein Grabmal errichtet wird. ›Ohne ein Grabmal, auf dem ihre Namen stehen, bleiben sie die, zu denen man sie vor 75 Jahren gemacht hat: Ausgestoßene.‹ Die Pläne dazu gibt es schon: Einen sechs Meter hohen Grabhügel mit einem Durchmesser von 70 Metern, von einer Ziegelwand umfasst, symbolisch für die Erde der vielen tausend Opfer, die niemals richtig bestattet wurden. Viele von ihnen galten offiziell gar nicht als tot. Sondern als ›evakuiert‹ oder ›abgemeldet‹, wie eben Malvine Barton: ›abgemeldet: Minsk. Bis 1947 keine weitere Meldung in Wien‹, wie es auf einem Meldezettel heißt.

Mittlerweile hat Barton so viel Druck erzeugt, dass es im vergangenen Oktober im österreichischen Nationalrat einen Beschluss zur ‚Umsetzung und Finanzierung eines würdigen Denkmals’ gegeben hat. „Mit diesem Denkmal geben wir den Opfern der Shoa ihre Namen und ihre Identität zurück und werden sie nicht in Vergessenheit geraten lassen“, so der SPÖ-Abgeordnete Hermann Krist damals. Eine Umsetzung durch die Regierung steht indes noch aus, die Finanzierung ist offen. Zuletzt hatte sich die Wiener FPÖ unter Vizebürgermeister Johann Gudenus im Gemeinderat für die Errichtung eines österreichischen Denkmals stark gemacht – ihren Antrag haben alle Parteien einstimmig angenommen.

Für Vienna ist das alles weit weg und hat doch Bedeutung. Wäre sie doch heute selbst auch kaum hier, wenn es den Verein von Waltraud Barton nicht gäbe. Wenn sie nicht durch Zufall vom Verein und seinen Gedenkreisen erfahren hätte. So machte sie sich im Mai dieses Jahres von der Grafschaft Worcestershire bei Birmingham auf, um Maly Trostinec mit einer Reisegruppe von Barton zu besuchen.

Niemand in ihrer Familie hätte es vermocht, sich auf diese Reise zu begeben, sagt Vienna. Sie ist Psychotherapeutin geworden und erträgt die Geschichten besser als andere in ihrer Familie. Wie eine Kundschafterin ist sie ausgeschwärmt in ein fremdes Reich der Vergangenheit, eine Detektivin ihrer eigenen Familientragödie. Wie eine Reporterin hält sie alles mit der Digitalkamera fest, um es später ihrem Sohn, ihrer Mutter, ihren Tanten zu zeigen und von den fremden Orten zu erzählen. Das Unterholz knackt unter ihren Füßen, als Vienna durch den Wald geht. Immer tiefer dringt sie in den Wald vor, ihr lockiges, schlohweißes Haar zu einem Knoten zusammengebunden. Im Rucksack trägt sie einen Stein, den sie zuvor vom Familiengrab der Sachs  in Simmering mitgenommen hat. In der Hand weiße, duftende Lilien, die sie sich in einer Minsker Unterführung gekauft hat.

Dass der Ort Maly Trostinec auch 75 Jahre nach den Deportationen nicht in der österreichischen Erinne- rungspolitik verankert ist, erklärt Winfried Garscha, Historiker vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, so: ›Die Art, wie diese Morde vorbereitet und durchgeführt worden sind, war bereits darauf angelegt, das Erinnern fast unmöglich zu machen. Und jetzt wird es moralisch: Wenn wir nicht erinnern, besorge ich dann in Wirklichkeit das Geschäft der Mörder?‹

Und kaum ein Vernichtungsort war besser darin, diese Erinnerung zu tilgen. Keine Gaskammern, keine in Beton gegossenen Zeugen eines industriellen Mordens, wie etwa im Konzentrationslager von Auschwitz. Sondern nur ein Bahngleis, ein Schotterweg und eine schwer einsehbare Lichtung im Wald. Die meisten, die mit den Zügen ankamen, wurden sofort nach ihrer Ankunft erschossen oder in einem mobilen Gaswagen erstickt. Ein Bahngleis, eine Waldlichtung, ein Schuss, eine Grube. Dass die Täter in Maly Trostinec so primitiv, aber zugleich so effizient gemordet haben, hat zugleich fast alle ihre Spuren verwischt. So gab es kaum Opfer, die vom Lager erzählen konnten, weil es schlichtweg niemand überlebte. Als hätte man am Ende selbst die Verbrechen einfach in eine Grube geworfen und diese zugeschüttet.

Doch die Geschichte von Maly Trostinec ist nicht zuletzt auch eine über einen Aufarbeitungsprozess, der in Österreich besonders zäh verläuft. Selbst Nazi-Verbrechen, die praktisch vor der Haustüre sta gefunden haben, wurden erst in den Neunziger Jahren aufgearbeitet. Wie im ›Zuchthaus‹ von Stein, wo immer nur an das große Massaker vom 6. April 1945 erinnert wurde und nicht an eine Massenhinrichtung neun Tage später. An die Polen unter den 44 Opfern erinnert erst seit 2015 ein Gedenkstein.

Das Massaker an 228 ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiten in der Nacht vom zweiten auf den dritten Mai 1945 in Hofamt Priel? Ein Grabstein mit allen Namen wurde ebenso erst vor zwei Jahren aufgestellt.

So war aber gerade das Gebiet des heutigen Belarus ein Ort, wo der Krieg und Terror der Nationalsozialisten beispiellos gewütet haben. Kaum ein Land hat derart unter dem Zweiten Weltkrieg

gelitten wie Belarus. Minsk, die Hauptstadt der belarussischen Sowjetrepublik, wurde beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1941 praktisch dem Erdboden gleichgemacht. Im vermeintlichen Anti-Partisanen-Kampf wurden ganze Dörfer und Landstriche von den Nationalsozialisten ausgelöscht. Die Hauptstadt Minsk gehörte vor dem Krieg zu den europäischen Städten mit dem größten jüdischen Bevölkerungsanteil – einer sowjetischen Volkszählung zufolge war hier 1939 noch jeder dritte Einwohner jüdisch. Überlebt haben meist nur jene Juden, die sich den Partisanen in den Wäldern angeschlossen haben. Bis zum Ende des Krieges wurde etwa die Hälfte der Bewohner von Belarus entweder ermordet oder vertrieben. ›Das kann von keinem anderen europäischen Land gesagt werden‹, schreibt der US-Historiker Timothy Snyder in seinem Buch ›Bloodlands: Europa zwi- schen Hitler und Stalin‹.

Doch auch in Belarus ist das Gedenken an den Holocaust kaum verankert. So gab es in der Sowjetunion den politischen Willen, vornehmlich die Verbrechen an sowjetischen Bürgern darzustellen, sagt Aliaksandr Dalhouski, Referent bei der Minsker Geschichtswerkstatt. Dass die meisten Opfer in Maly Trostinec jüdisch waren, blieb auch im Abschlussprotokoll der Außerordentlichen Staatlichen Kommission, das die Sowjets nach der Befreiung Minsks 1944 anfertigen ließen, unerwähnt. Belarussische Juden wurden als Sowjetbürger dargestellt und deportierte Juden nicht erwähnt. Eine Mischung aus Schlamperei, Antisemitismus und Geschichtsklitterung, wie es Dalhouski beschreibt: Einerseits gab es den politischen Willen, zu unterstreichen, wie sehr die sowjetische Zivilbevölkerung unter den Nationalsozialisten zu leiden hatte. Andererseits wurde das wahre Ausmaß der Nazi-Morde erst viel später bekannt – die NS-Einsatzgruppe, die angewiesen worden war, die Leichen zu exhumieren und zu verbrennen, hatte ihre Spuren gut verwischt. Doch selbst in den Jahren danach, nach der Befreiung von Auschwitz und den Nürnberger Prozessen, hatte das jüdische Martyrium nur wenig Platz in den sowjetischen Geschichtsbüchern. Es ist dieser ›Tunnelblick‹, der die offizielle Wahrnehmung von Maly Trostinec in Belarus bis heute prägt, sagt Dalhouski.

Hinzu kommt, dass der Wald von Blagowschtschina schon vor den Nationalsozialisten als Ort des Massenmords gegolten haben soll. Schon vor dem Krieg sollen hier die Einheiten des sowjetischen Volkskommissariats NKWD ›Volksfeinde‹ ermordet haben. Es wird spekuliert, dass das der Aufarbeitung der Verbrechen von Blagowschtschina nicht gerade zuträglich gewesen sein soll. Im Gegenteil: In den Fünfzigerjahren wurde hier eine Müllhalde aufgeschüttet.

Doch zuletzt ist auch in Belarus Bewegung in die Erinnerungspolitik gekommen. Vor zwei Jahren hat der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko ein Denkmal auf dem Gelände des ehemaligen Arbeitslagers enthüllt. Eine Brachfläche, an einer vierspurigen, zugigen Ausfahrtsstraße, auf der anderen Straßenseite rücken schon die Wohnblöcke der Hauptstadt heran. Ein Bus zuckelt alle dreißig Minuten aus dem Stadtzentrum vorbei, doch wer im Bus nach der richtigen Haltestelle fragt, blickt oft nur in fragende Gesichter. Dort, wo unter den Nationalsozialisten das Kommandantenhaus stand, ragt heute eine wuchtige Skulptur in den Himmel. Das ›Tor des Gedenkens‹. Leidende, ausgemergelte KZ-Insassen, von Stacheldraht eingeschlossen. Auf Granitsteinen sind die NS-Vernichtungsorte in Belarus aufgezählt: Hrodna. Minsk. Mahiljou. Wizebsk. An einer Kreuzung sind Wegweiser angebracht. Rechts zu den ›Ruinen des Tode- scamps‹, links zur ›Straße des Todes‹ oder zum ›Ort, wo 6.500 Häftlinge verbrannt wurden‹. ›Doch das Wort Holocaust fehlt‹, kritisiert Dalhouski.

Die Sonne steht hoch am Himmel, stellenweise ver- deckt von Baumkronen. Die Menschengruppe steht noch immer still an der Waldlichtung, nur die Vögel zwitschern. Jetzt werden die Namen von 61 Personen verlesen und an die Baumstämme gehängt. Während die Gruppe so dasteht, schlendern zwei Männer in schweren Camouflage-Anzügen vorbei, später eine alte Frau, das Tuch nach Bauernart um den Kopf geknotet. Sie wundern sich wohl über die Menschen, wie sie da so in Trauer im Halbkreis zusammenstehen und in einer fremden Sprache sprechen. Diejenigen, die Deutsch sprechen, sind im Slawischen die ›njemzy‹, diejenigen, die nicht zu uns gehören,

- oder die Stummen.

Als Vienna an der Reihe ist, von ihrer Großtante Adele zu erzählen, spricht sie diese direkt an. ›Meine Mutter hat mir gesagt, dass du ein ruhiger, angenehmer und standhafter Mensch warst, der immer für alle da war‹, sagt Vienna. ›Sie hat mir erzählt, dass du wie eine Mutter für sie warst. Hildegard, Ilse und Liane sind in Sicherheit in England aufgewachsen und haben schon Familie, Enkelkinder, sogar Urenkelkinder.‹ Später wird sie ein gelbes Schild von Adele an einen Baumstamm hängen, den Stein und die Lilien an die Wurzeln legen und Samen von Vergissmeinnicht in die Erde legen.

›Mir kommt es so vor, als könnte ich noch immer die Vögel hören, die sanften Sonnenstrahlen, den leichten Wind und die Gegenwart der hohen Kiefern spüren, wenn ich diese Worte schreibe‹, schreibt Vienna, als sie wieder zuhause in England ist. ›Die Zeremonie war einfach, respektvoll und durchwegs bewegend. Ein intensiver Akt, der es der Familie erlaubt, diesen Prozess abzuschließen. Um die Erinnerung an den sinnlosen Mord an einer so wun- derbaren Frau zu bewahren, Adele Steiner.‹